„Sichtbare“ Barrieren abbauen

Katrin Beste
Infodesignerin

Katrin ist eine spät berufene Infodesignerin, die außerdem gerne schreibt. Sie ist seit 01/2018 selbstständig, arbeitet im Bereich Signaletik und fotografiert folglich auch in der Freizeit dauernd Schilder und Piktogramme.

„Sichtbare“ Barrieren abbauen – leichter leben für alle!

75–80% unserer Wahrnehmungen sind visuell. Auch wenn wir widersprüchliche Informationen über einen
anderen unserer Sinne bekommen, vertrauen wir unserem Sehsinn. Das ist auch der Grund, warum viele
Informationen visuell präsentiert werden. Insbesondere Hinweise zur Wegführung sind meist SICHT-bar im
Raum, die anderen Sinne werden häufig vernachlässigt. Selten fragen wir Menschen nach dem Weg zur
nächsten U-Bahn-Station (akustische Information) oder folgen wir dem Duft nach frischem Kaffee, um ein
Frühstück zu finden (olfaktorische Information). Und eigentlich nie folgen wir einem speziellen Muster am
Boden, das wir nur mit unseren Füßen fühlen können, zu einem Ziel (taktile Information), weil wir
üblicherweise auch sehen, was wir fühlen können. Für den fünften noch fehlenden Sinn, den Geschmack,
fällt mir nicht mal ein Beispiel zur Wegführung ein! Zu hoch ist das Risiko, sich mit Bakterien anzustecken,
zu niedrig der zusätzliche Informationsgehalt im Vergleich zu den übrigen vier Sinnen.

„Wir“ sind in diesem Fall die, die keine visuellen Einschränkungen haben. Aber „wir“ sind eben nicht alle.
Durch dieses Wir schließen wir ca. 4%* der österreichischen Bevölkerung aus, die eine Einschränkung des
Sehsinns in unterschiedlichen Schweregraden haben. Die wenigsten dieser 4% sind vollständig blind, der
Großteil kann zumindest Kontraste und Helligkeiten unterscheiden.

„Wir“ sind in diesem Fall die, die keine visuellen Einschränkungen haben. Aber „wir“ sind eben nicht alle. Durch dieses Wir schließen wir ca. 4%* der österreichischen Bevölkerung aus, die eine Einschränkung des Sehsinns in unterschiedlichen Schweregraden haben.

Dass es sich „nur“ um 4% der Bevölkerung handelt, wird gerne als Argument verwendet, ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigen zu müssen. Dazu sagt allerdings die österreichische Bundesverfassung seit 20 Jahren: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nicht behinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten.“

 

„Design for all“

„Design for all“ geht den umgekehrten Weg: gestalten für alle! Weil jeder und jede berücksichtigt werden
soll. Praktisch bedeutet das, dass die Information, die man Sehbeeinträchtigten zur Verfügung stellt, nicht
an anderer Stelle und nur in reduzierter Form zur Verfügung stehen. Praktisch kann man auch die visuelle
Information so optimieren, dass das „Wir“ größer wird. Mit kleinen Schritten kann viel bewirkt werden: mit
einer gut leserlichen Schrift, mit optimierten Kontrasten für alle Anwendungen, mit einer klaren und
begründeten Farbauswahl, die aber ein Erkennen-Können für Farbenblinde auch berücksichtigt, mit einer
Position im Raum, die beispielsweise ein Annähern an Informationen möglich macht, und mit einer Sprache
bzw. Information, die einfach verständlich ist und vielleicht auch noch durch Piktogramme unterstützt wird.

*Statistik Menschen mit Behinderung

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