Katrin Beste
Infodesignerin

Katrin ist eine spät berufene Infodesignerin, die außerdem gerne schreibt. Sie ist seit 01/2018 selbstständig, arbeitet im Bereich Signaletik und fotografiert folglich auch in der Freizeit dauernd Schilder und Piktogramme.

Simplify your map

Seit einem Jahr stört sie mich: die Übersichtskarte des Hauptgebäudes der Universität Wien. Das Gebäude ist sehr komplex, und durch die unzähligen Umbauten ist total verloren gegangen, dass es eigentlich eine recht simple Struktur gäbe. Auch die Umwidmung von Hörsälen in Büros und Seminarräume hat dazu geführt, dass es die Hörsäle 1–3 und 5–7 gibt, aber dann erst wieder 16, 21, 27, … Das Gebäude ist riesig, in den Stockwerken verlaufen immer wieder ein paar Stufen auf oder ab, und außerdem wird auch ständig umgebaut, sodass man sich auf die Orientierung von vor 2 Jahren nicht unbedingt verlassen kann.

Also. Die Karte.

Die Karte zeichnet sich dadurch aus, dass sie basierend auf den Grundrissplänen gezeichnet ist. Sie enthält neben den im Raum auch wirklich verwendeten Piktogrammen für WCs, Stiegen, Lifte, Lehrveranstaltungsräume auch einige wirklich sperrige, lästige Raumnamen. Sie ist passend zur CI und zum Color Coding der Uni gestaltet, jeweils in Blickrichtung gedreht, sehr sauber gestaltet – was stört mich also?

Ich weiß nicht mehr wie ich von Maxwell Roberts erfahren habe. Ich weiß nur, dass ich seinen Newsletter schon vor der Typo Berlin 2017, auf der ich ihn dann auch persönlich kennen lernen durfte, abonniert hatte. Er beschäftigt sich eigentlich ausschließlich mit U-Bahn-Plänen von diversen Städten, er versucht sie visuell zu optimieren und überprüft die Änderungen mit Testpersonen, indem er ihre Fähigkeit eine Reise zu planen vergleicht. Ab und zu wendet er seine Erkenntnisse für ganz anderes an: für einen Brexit-Ausstiegsplan, für eine Darstellung einer komplexem Storyline eines Buches. Das fasziniert mich. 

 

Kann ein Gebäudeplan vielleicht durch einen U-Bahn-Plan ersetzt werden? Was sind die Kerneigenschaften eines U-Bahn-Plans? 

Ein U-Bahn-Plan zeichnet sich dadurch aus, dass er ausschließlich Wege und Stationen darstellt. Ganz selten sich topografische Gegebenheiten ersichtlich, Flüsse können eingezeichnet sein, aber meist wird auf jegliche Landmarks verzichtet. Warum? Weil es irrelevant ist. Der U-Bahn-Reisende orientiert sich an U-Bahn-Linien (= Farbe + Ziffer) und an Stationsnamen. 

Wenn ich das Hauptgebäude der Uni Wien auf Wege reduziere, bemerke ich, dass die symmetrische Struktur wieder stärker hervortritt und dass die Tatsache dass es nur rechte Winkel gibt, die Übersichtlichkeit des Plans stark verbessert. Maxwell Roberts hat zahlreiche Forschungen zu dem Thema angestellt, wie viele unterschiedliche Winkel ein U-Bahn-Plan verträgt und ob auch eine „curvilineare“ Darstellung möglich ist. Das kann ich mir sparen.

Als Stationen lege ich alle Zielorte fest, so wie sie auch jetzt schon im Plan enthalten sind. Schnell wird mir bewusst dass der wesentliche Unterschied zwischen meinem Vorhaben und einem U-Bahn-Plan darin liegt, dass man mit der U-Bahn durch vorherige Zielorte durch fährt, d.h. sie liegen auf dem Weg. Die Ziele im Hauptgebäude liegen großteils nicht auf dem Weg, sondern links und rechts daneben. Und auch ob sie links oder recht liegen macht einen großen Unterschied, das muss also gezeigt werden.

Ich hole mir schließlich Fachliteratur zur Hilfe. Besonders hilfreich finde ich:
How Much Information Do You Need? Schematic Maps in Wayfinding and Self Localisation.
Die wichtigste Aussagen für mich liegt darin, dass es mich im noch stärker schematisieren bestätigt. Die Studie hat empirisch belegt, dass es zur Selbstorientierung, wenn wir uns verlaufen haben, eine stärker topografische Karte brauchen. Das was wir sehen, müssen wir auf der Karte wiederfinden können.

Bei Karten zur Wegplanung, auf denen ja zumeist auch noch eingezeichnet ist, wo man sich befindet, ist ein Konzentrieren auf Zielorte und Verbindungen von „you are here“ zu diesen die bessere Strategie. Sie sollen den Nutzer befähigen eine Strategie zu überlegen, wie er vom Standort zum Ziel kommen könnte und wie er diesen Plan in die Tat umsetzen kann.

In dieser Studie ist auch erwähnt, was denn mit „schematisieren“ gemeint ist, was das graphisch bedeutet. Für meine Aufgabe geht es vor allem darum, Kreuzungen zu vereinfachen, mehr oder weniger gerade Wege gerade zu machen und Distanzen so darzustellen, dass der Gesamteindruck für das Augen angenehm und leicht zu erfassen ist – denn wie lange genau Distanzen zwischen zwei Hörsälen sind, ist für die reine Wegplanung egal. Allerdings müssen natürlich manche Eigenschaften von Zielen erhalten bleiben. Sind beispielsweise Zielorte genau gegenüber an einem Gang, kann man sie nicht einfach, nur weil es gleichmäßiger wäre, verschieben. „Ist gegenüber von“ ist durchaus relevant. Spannend ist hier auch, dass natürlich das Prinzip aus U-Bahn-Karten, dass alle Zielorte (wenn möglich) gleich große Abstände zueinander haben, nicht angewendet werden kann, auch wenn es den Plan vielleicht „aufräumen“ würde. In diesem Fall ist die rechtwinklige Gesamtstruktur des Gebäudes wichtiger.

Ein anderer hilfreicher Artikel ist dieser: Wayfinding: A simple concept, a complex process.
Um gute Pläne zeichnen zu können hilft es einerseits zu wissen, wie Orientierung theoretisch funktioniert, also auch wie sie bei anderen funktioniert als bei mir und meinen beiden – in diesem Kontext – total voreingenommenen Kollegen. Andererseits ist es gut sich der Faktoren bewusst zu sein, die Orientierung beeinflussen, um sich der Grenzen einer Map bewusst zu sein. Wenn ich mir, wie hier beschrieben, U-Bahn-Pläne als Vorbild nehme, dann setze ich eine gewisse Fähigkeit solche Pläne lesen zu können voraus. Alles, was der öffentliche Raum in Wien an Informationsdesign zu bieten hat, kann ich bis zu einem gewissen Maß als Voraussetzung annehmen. Nicht allzu ernst, aber dennoch, sollte der chinesische Besucher, der direkt vom Flughafen auf die Uni Wien kommt, auch bedacht werden. Dieser wird unsere WC-Piktogramme nicht verstehen; er hat aber voraussichtlich auch ein komplett anderes räumliches Verständnis, weil schematische Karten in China wahrscheinlich anders aussehen als bei uns. Die Frage nach Zielpersonen für Pläne sollte berücksichtigt und geklärt sein.

Der oben angeführte Text erklärt Wayfinding in 4 Schritten: orientation – route selection – route control – recognition of destination. Erwähnenswert finde ich hier, was man vielleicht als Automatismus sowieso tut: es wäre schön wenn das angeführte Ziel auf der Karte mit dem echten Ziel im Raum etwas gemeinsam hat. Es lohnt sich dafür zu kämpfen dass beispielsweise Piktogramme auf der Map nicht invertiert dargestellt werden müssen zu denen im Raum. Das macht das „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ sicher einfacher.

Als Faktoren, die das Wegfinden beeinflussen, beschreibt die Studie: räumliche Orientierung, die Fähigkeit kognitive Karten zu erstellen und zu speichern, Wegplanung, Sprache, Kultur, Geschlecht und biologische Faktoren. Die Entscheidung für einen Weg – wenn mehrere Wege möglich sind –  ist nicht immer zugunsten des Kürzesten. Möglichst selten abbiegen, möglichst lange und nahe am Hauptweg bleiben, möglichst geradeaus in eine Richtung vom Standort aus – um nur einige der Strategien zu nennen. Das bedeutet also, dass man – indem man eine zusätzliche Ecke in die Hauptroute einzeichnet – diese Weg total unattraktiv machen kann. Oder, positiv formuliert: kleine Ecken und Biegungen und Wandvorsprünge weglassen und möglichst gerade darstellen.

Dann ist natürlich noch ein Faktor, um „aufzuräumen“, möglichst simpel und einheitlich darzustellen. Das klingt gut, aber was meint das konkret? 

  • Sich auf 2–3 Maße für Abstände festzulegen und nur diese zu verwenden. Gänge haben eine bestimmte Breite, Wände, Stiegen ebenso.
  • Alle Piktogramme sollten gleich groß sein, unabhängig davon, wie groß die Zielorte dann in echt sind. Eine Ausnahme bilden in meinem Fall Zielorte ohne Piktogramm, aber da stört es mich nicht so sehr, dass die Größe in etwa ihrer realen Größe entspricht, schließlich spiegelt das auch ihre Bedeutung wider. Das Audimax ist viel wichtiger als das Prominentenzimmer. 
  • Zielorte auf dem Plan nicht so groß wie möglich darstellen, sondern so groß wie nötig. Was notwendig ist, ist vom Betrachtungsabstand und von der Plangröße abhängig. Je größer alles dargestellt wird, desto überladener wird es. Der Plan soll aber das Gefühl geben, dass es einfach ist ans Ziel zu kommen.
  • Outlines sind zusätzliche Elemente und sollten wenn irgendwie möglich vermieden werden. Gerade im räumlichen Kontext können sie auch als Mauer verstanden werden.
  • Beschriftung wenn möglich dort, wo der Ort auf der Karte ist. 
  • Farben einheitlich einsetzen. Die Farbe für Gänge sollte nicht auch die Farbe für Mauern sein. Auch wenn dadurch die Anzahl an Farben reduziert wird, erschwert es das Planlesen, denn dann hat eine Farbe keine einheitliche Bedeutung.
  • Maximal 2 Leserichtungen für Text. Besser wäre überhaupt nur eine. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der neue Plan wird voraussichtlich ab März im Hauptgebäude der Uni Wien hängen. Beschwerden, Verbesserungsvorschläge, aber auch Lob sind gerne willkommen. Vor allem bin ich gespannt, wie BesucherInnen und Studierende den neuen Plan annehmen. Ein Lob wird es von ihnen wohl nicht geben, denn wir SignaletikerInnen wissen: gute Signaletik wird nicht bemerkt. Man kommt einfach dort an, wo man hin wollte. Kein Grund, das mitzuteilen.