Was macht Informationsdesign mit mir?

Katrin Beste
Infodesignerin

Katrin ist eine spät berufene Infodesignerin, die außerdem gerne schreibt. Sie ist seit 01/2018 selbstständig, arbeitet im Bereich Signaletik und fotografiert folglich auch in der Freizeit dauernd Schilder und Piktogramme.

Der Informationsdesigner (und auch die Informationsdesignerin und auch die Menschen, die sich mit Informationsdesign beschäftigen, ohne sich einem der beiden Geschlechter zuzuordnen) beschäftigt sich ja im Allgemeinen mit dem besser Erfassbar-Machen von Informationen. Demnach kann dieser Satz schon mal nicht von einem Informationsdesigner stammen. Wikipedia sagt das etwas geschickter, „Informationsdesign ist im weitesten Sinne die Selektion, Organisation und Präsentation von Informationen. Diese Informationen können aus jeder erdenklichen Quelle stammen. Im Idealfall werden diese Informationen verständlich, effektiv und zielgruppengerecht aufbereitet.“ 

Wenn etwas besser erfassbar ist, ist es nicht zwingend kürzer. Und schon gar nicht einfacher. Und auch das „besser“ bezieht sich vor allem auf das Vorher. Nachher ist’s besser. Die Information wird (laut Wiki) selektiert, organisiert und präsentiert. Und sie stammt auch noch aus unterschiedlichen Quellen, wird demnach auch kuratiert. 

Wenn etwas besser erfassbar ist, ist es nicht zwingend kürzer. Und schon gar nicht einfacher.

All diese Tätigkeiten sind ein Mienenfeld! Informationen und Quellen zu selektieren bedeutet im Umkehrschluss, dass ich als Gestalter entscheide, welche ich weglasse. Nach welchen Kriterien? Nach welchem Bias? Nach welchen kulturellen Prägungen und Glaubenssätzen? Das Organisieren von Informationen streicht vielleicht Verbindungen zwischen Daten hervor, die ich betonen möchte – und streicht heraus, was unwichtig, unerheblich erscheint. Das Präsentieren von Informationen bedient sich meist einer Sprache und/oder einer Gestaltung. All dies sind Methoden, die äußerst missverständlich sein können. Das kann ich als der dahinter stehende Gestalter nutzen, unabsichtlich Opfer davon werden, oder mich bemühen es auszuschließen.

Das Schöne an Informationsdesign ist, dass es so unglaublich vielfältig ist, und dennoch diesen gemeinsamen Nenner hat. Der UX-Designer hat mit dem Selektieren, Organisieren und Präsentieren ebenso zu kämpfen wie der Signaletiker oder der Infografik-Gestalter. Somit landen alle bei ähnlichen Problemen:  

– wo ist die Grenze zwischen Vereinfachen und Bevormunden?
– wo ist die Grenze zwischen effektiver Kommunikation und Für-Dumm-Verkaufen?
– wo führt verständliche Information für viele dazu, dass ich manche ausschließe?
– wo führen vereinfachte Darstellungen zum Verfestigen von Stereotypen?
– wie sehr ist es erlaubt/erwünscht/unabdingbar, dass meine persönlichen Wertvorstellungen meine Arbeit beeinflussen? 

Worauf will dieser Text hinaus? 

Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass wir als Informationsdesigner so etwas ähnliches tun wie Kuratoren einer Ausstellung. Wir selektieren, organisieren, präsentieren. Nur eben Information, nicht Kunstwerke. Eine Ausstellung kann uns einen Künstler zeigen, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Endlich verstehen wir Zusammenhänge. Endlich begeistert uns ein Künstler, von dem wir bisher gar nichts kannten. Oder anderes.

Niemand wird bei diesem Beispiel in Abrede stellen, dass ein Kurator ein Ziel verfolgt. Als Informationsdesigner fühlen wir uns oft neutral. Wir wollen doch nur helfen, besser und schneller zu verstehen. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, dass wir zumindest eine Handschrift haben, wenn nicht gar eine Verantwortung!

Für jeden liegt diese Verantwortung in anderen Bereichen. Der eine wird bei manchen Aufträgen nein sagen, aus welchen Gründen auch immer; ein anderer setzt seine Werte in seiner Arbeitsweise um. Und eine Dritte – ich – möchte sich zumindest bemühen, niemandem auf die Füße zu treten. Mit diesem Artikel schon, sehr gerne, aber nicht mit der Gestaltung. Ich möchte mich immer fragen, ob ich jemanden ausschließe. Ob ich jemanden dazu bringe, sich nicht gleichberechtigt zu fühlen. Ob ich jemanden bevormunde oder für dumm verkaufe. Und insbesondere, ob ich eine Chance habe, Inklusion zu fördern, und sie nicht nutze. Dazu gibt es ein Schlagwort: „inclusion by design“. Ich versuch’s.

Inklusion zielt darauf ab, dass alle Menschen in einer Gesellschaft gleichberechtigt nebeneinander leben. … Inklusion ist ein Menschenrecht und als solches in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geregelt.“

Markierter PC-Platz für Rollstuhlfahrer

Der Grund für diesen Artikel ist das obenstehende Bild. Für mich trägt das Bild die Bildunterschrift „Lieber Rollstuhlfahrer. Mit Rollstuhl kann man bekanntlich nicht an allen Bereichen des Lebens so mitmachen wie Menschen mit zwei funktionierenden Beinen. Oft fühlst Du Dich wahrscheinlich ausgeschlossen. Deshalb setzen wir Dich hier hin. An einen extra für Dich (hässlich) markierten Arbeitsplatz. Abseits der anderen. Das nennen wir Inklusion.“

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